Zwei Münzen aus dem niedersächsischen Münzkabinett.
Der Universalgelehrte konnte listig tricksen, wenn es drauf ankam: Als Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) vor drei Jahrhunderten in Hannover den preußischen Gesandten empfing, um Geheimgespräche über die Wiedervereinigung der Kirchen zu führen, wählte er für die vertrauliche Zusammenkunft einen konspirativen Ort: Offiziell trafen sich die Beteiligten bei Gerhard Wolter Molanus, um sich dessen Münzsammlung anzusehen. Mit der Kircheneinheit wurde es zwar bekanntlich vorerst nichts, doch die Münzen des Loccumer Abtes zogen Leibniz immer wieder an. Etliche Stücke bildete er in seiner „Welfengeschichte“ ab. Und er kreierte das Amt des „Haus- und Hofgeschichtsschreibers“, der im Dienst der Welfen über Generationen hinweg zugleich als Bibliothekar, Archivar und Münzverwalter wirkte.
Mit dem Coup, der dem Kulturministerium jetzt gelungen ist, wäre Leibniz wohl zufrieden gewesen: Für fünf Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket kauft das Land das „Niedersächsische Münzkabinett“ der Deutschen Bank – eben jene Sammlung, die Leibniz einst bei Molanus bewundert hatte. Georg II. hatte diese 1745 erworben und weiter ausgebaut. Die Welfen verkauften die Sammlung, zu der etwa 40 000 Münzen, Medaillen und Orden gehören, 1983 schließlich für 16,2 Millionen Mark an die Deutsche Bank. Der Bankier Hermann Josef Abs hatte sich damals dafür starkgemacht, um die Kollektion als Gesamtensemble zu erhalten.
Jetzt wechselt die letzte große fürstliche Münzsammlung Deutschlands, die sich noch in Privatbesitz befand, erneut den Besitzer. Nach „intensiven Verhandlungen“, wie es aus der Staatskanzlei heißt, ist damit die befürchtete Zerschlagung vom Tisch. Wenn der Vertrag unterzeichnet ist, sollen die Münzen vom Sitz der Bank am Georgsplatz ins Landesmuseum umziehen. Vom dort beschäftigten Numismatiker Reiner Kunc werden sie bereits seit 25 Jahren betreut.
Im Landesmuseum soll dauerhaft ein Präsentationsraum eingerichtet werden: „Wir sind optimistisch, dass wir bereits im kommenden Jahr eine erste Ausstellung zum Münzkabinett eröffnen können“, sagt Kulturminister Lutz Stratmann. Im Jahr 2014 sollen einige Stücke auch bei der großen Landesausstellung zum 300-jährigen Bestehen der Personalunion gezeigt werden, während der Hannover und Großbritannien miteinander 123 Jahre lang über gemeinsame Herrscher verbunden waren.
Dass die Sammlung in Hannover erhalten bleibt, ist dem Verhandlungsgeschick des Kulturministeriums zuzuschreiben – und der Konzilianz der Deutschen Bank, die angesichts massiver Proteste gegen ihre Verkaufspläne um ihr Image fürchten musste. „Wir freuen uns sehr, dass wir eine Lösung gefunden haben, die die Interessen Niedersachsens wahrt“, versichert jetzt Jürgen Fitschen vom Vorstand der Deutschen Bank.
Bei Münzkundlern löste die Nachricht Euphorie aus: „Unser Ziel, die Sammlung in sachkundigen Händen zu halten, ist erreicht“, sagt Burkhard Traeger von der Deutschen Numismatischen Gesellschaft, die vergangene Woche rund 3000 Unterschriften für den Erhalt des Münzkabinetts vorgelegt hatte. „Toll, dass diese einmalige Kollektion nicht im Münzhandel verhökert wird“, sagt auch Manfred Gutgesell, Vorsitzender der Numismatischen Gesellschaft Hannover. Den Kaufpreis von fünf Millionen Euro – zum Vergleich: die komplette Landesausstellung im Jahr 2014 soll das Land 5,5 Millionen Euro kosten – bezeichnet Gutgesell als „Schnäppchen“: In der Sammlung befänden sich Einzelstücke, die teils schon für sich allein mit mehreren Hunderttausend Euro gehandelt würden. „Doch zu etwas Besonderem wird die Sammlung erst durch ihre Geschlossenheit.“
Tatsächlich spiegelt sich in der Kollektion ein Stück hannoversche Weltgeschichte: Den Welfen diente dieses Münzkabinett eher als Forschungssammlung denn zur Repräsentation. „Sie ließen Musterexemplare aus all ihren Prägestätten in die Sammlung einfließen“, sagt Numismatiker Gutgesell. Da das Adelshaus teils auch über das britische Weltreich herrschte, kamen Goldmünzen indischer Maharadschas ebenso in die Sammlung wie Prägungen aus Australien oder Amerika. Als König Ernst August nach dem Ende der Personalunion 1837 in Hannover residierte, ließ er sich oft per Kurier seltene Münzen aus London kommen – und entschied persönlich, ob er diese der Kollektion einverleibte oder sie zurückschickte. Die Wirren der napoleonischen Besatzung hatte das Münzkabinett sicher überstanden: Es war nach London ausgelagert und überdauerte die Zeit in den Tresoren der Bank of England.
„Jetzt haben wir die Chance, langfristig die beiden größten Münzsammlungen in der Stadt zusammenzuführen“, sagt Wolfgang Schepers, Direktor des Museums August Kestner, das mit 120 000 Exemplaren eine der größten Münzsammlungen Norddeutschlands unterhält. Sein Haus am Trammplatz würde so neben Einrichtungen in München und Berlin zu einem der führenden Münzmuseen Deutschlands avancieren. Doch zu diesem Gedankenspiel hielt man sich im Kulturministerium erst einmal bedeckt.
Von Simon Benne
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Kommentare
Wo sind die Proteste? Stier – 22.12.09
Wäre der Artikel unter „Politik“ veröffentlicht worden, hätte es heftige Proteste gegeben. Aber Kulturbeflissene sind offenbar brave Bürger. 5 Millionen Euro werden für ein Kulturgut ausgegeben, das sich bereits seit 25 Jahren auf Betreiben von Ernst Albrecht in den Mauern der Stadt Hannover befindet. Genauer gesagt, in einem Tresor in der Landschaftsstraße, der eigens für diese Münzen errichtet wurde.Anscheinend hat die Deutsche Bank gemerkt, dass dort totes Kapital herumliegt, das sie gern in Bargeld ummünzen möchte. Diese Überlegungen sind gut ein Jahr alt. Einen Zusammenhang mit der Finanzkrise gebe es nicht, betonte die Deutsche Bank. Wie dem auch sei. Für mich ist es unverständlich, dass die Deutsche Bank nicht in die moralische Pflicht genommen wird, diese Sammlung als Dauerleihgabe der Öffentlichkeit zu erhalten. Unentgeltlich, versteht sich.
Dass angesichts gigantischer öffentlicher Schulden 5 Millionen Euro für diesen „Coup“ ausgegeben werden, ist mir unverständlich. Der Hinweis, dass dieses Geld aus dem Konjunkturpaket stamme, ist nicht hilfreich, denn zahlen muss der Bürger so oder so. Zuzüglich Zinsen, die wiederum der Deutschen Bank zugute kommen.
Simon Benne nennt das Verhalten der Deutschen Bank „konziliant“ – also versöhnlich –. Diese subjektive Bewertung ist meines Erachtens mit einer unabhängigen Berichterstattung nicht vereinbar. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
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